Poesie

Das Wortwandeln

Es schreibt mich!

Ruhemächtig, wie erbarmungslos.

Manchmal flüstert es mich von rückwärts an, dann wieder malt es mich von innen mit Worten aus.

Es kritzelt als ein wohliger Weckruf aus Träumen oder schreit mir hinter meinen verschmutzten Fensterscheiben den Alltag entgegen.

Und manchmal wage ich es, dieses bleierne oder tintige Etwas zu bündeln und in die Untiefen der verworrenen Welt frei entfließen zu lassen.

Eine prickelnd, furchtsam-fröhliche Leidenschaft.

Ein Suchen.

Ich will aus vollem Herzen schlagen!

                                                                                                                                                       Und da es gemeinsam oftmals schöner ist, schreibe und wandle ich mit Trapez

 

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Staubkorn

Als ein Staubkorn dieser Welt versuche ich schwarz-weiß aus dem Schatten zu treten, dem ich den größeren Schein verdanke, der mich sichtbar unsichtbar hält.

Ich schüttle all meinen Ängsten die Hand und gebe mir für den Moment einen Sinn, indem ich Sinnloses tue.

Und da es mir nicht möglich ist mich zu zerreißen, um mir selbst in die Augen zu sehen,

blicke ich nebel-gleich in diverse Ecken des Daseins,

stoße mich bewusst an Kanten,

nehme die Zeit als Reiseführerin hin und hoffe, dass mir das Leben in seiner Ehrlichkeit irgendwo mein Inneres widerspiegelt.

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Heldenspiel (Lied)

 

Spiel mit mir mein Heldenspiel!

Bau mit mir ein Schwert aus Stimmen!

Ich verlier mich so gern in scharfkantigen Tiefen.

Ich stecke fest in der Kluft vor dem Sprung.

Spiel mit mir mein Heldenspiel!

Bau mit mir ein Schwert aus Stimmen!

Stumpfere Höhen wag ich nicht zu spüren.

Lass frei die Geister!

Färb mir mein Melodienblut!

 

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Warum weint Beatrice?

Es gibt in unserer Welt keine Helden.

Sie sind nur erträumt.

Es gibt keinen Heldenmut, keine starke Hand, kein starkes Herz, das für eine Freundin einsteht. Und es schmerzt mich die Hoffnung, die  sich immer wieder aufs Neue in meine Brust schleicht, bevor sie immer  wieder aufs Neue unerwartet geht und gewaltsam das Tor zu meinem Herz niederreißt, anstatt mich um den Schlüssel zu bitten.

Männer, wie wir sie brauchen, gibt es nicht.

Der Mann will für die Frau nicht Mann sein.

Er verschwindet, wie die Hoffnung, indem er auf verschiedenste Arten geht.

Er geht in den Tod, er verlässt dich für etwas Besseres, er mag neben dir und über dir stehen, aber er ist nicht mit dir.

Was bleibt ist die Frau.

Die Frau, die in Einsamkeit versinkt, obwohl der Mann neben ihr steht.

Die Frau, die ihr Frau-sein verliert, weil sie ohne Mann noch mehr selbst zum Mann werden will, um männlichen Edelmut in Ihrem Herzen zu tragen.

Bitte lasst mein Herz zu Eisen werden, damit es, sollte es sich erweichen und gar zu glühen beginnen, sich in ein Schwert verwandeln kann.

So kann die Frau   den Mann gleich selbst töten, damit sie einmal bestimmen darf, zu welcher Stunde er sie verlässt.

Es ist nicht wahr, dass ich nicht lieben kann, ich will nicht lieben.

Und wichtig ist´s für mich und meine Seele früh genug zu verstehen, dass wir als Frauen alleine auf der Welt sind.

Bitte lasst mein Herz zur heißen Klinge werden, die alle Ketten der trügerischen Liebe zum Manne zerreißt!

Bitte lasst mich frei!

Inspiriert durch Shakespeare´s „Viel Lärm um nichts“

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Sinnessuche

 

Ein warm, samtiges Gefühl unter meiner Zunge.

Als mir das Wasser im Mund zusammenläuft, wird es metallischer, rötlicher.

Es kitzelt die Kanten meiner Zähne, steigert sich von warm zu heiß, von samtig zu nektarhonig-süß.

Kurz schmecke ich in die Leere hinein.

Die Leere, die sich sogleich in Freiheit verwandelt.

Meine Zunge tastet das zarte rohe Fleisch. Verletzlich und formbar.

Die Temperatur senkt sich, als ein flüchtiger Lufthauch durch meine Mundhöhle strömt.

Der Geschmack wird rauer und würziger und zerfließt sogleich wieder in süßlich holzigem Gefühl.

Kaum mehr mit den Lippen erfassbar duften Vertrauen und Geborgenheit wie neckender Blütenstaub über den Hals in die Tiefen der Lungen.

Tasten verlangend in die Untiefen der Blutgefäße und fließen rauschend den Nacken aufwärts, den Rachen hinab.

Brennend getrieben beißt mich Hunger in die Fingerspitzen.

Elektrische Spannung leckt über die dünnen Härchen meiner Haut.

Ich verliere mich Im Fokus, koste die neblige Konsistenz der unbeschreiblichen Gewürzkomposition. Saftig, frisch stillt sie den Durst meiner Gedanken.

Friedvoll stupsend glättet das Flüstern die Falten meiner Oberlippe.

Es verblasst in meinem Rückenmark. Ich vergesse, ich verzehre, zehre.

Lass mich husten, fallen und aufprallen. Zu Staub verpuffen und mich selbst verschlucken im Takt der Zärtlichkeit.

 

Für den Kobold

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Clara – eine Traumcollage

„Clara?“ Clara meine Zehen sind kalt!“ 

Ich stehe in einem Raum, den ich durch dunkle Schattenfetzen kaum erkennen kann. 

Es kommt mir alles seltsam vor.

„Clara?“

Ich stehe barfuß auf einem feuchten Boden. Feucht? Der Mensch hat kein Gespür für Feuchtigkeit. Clara ist weg. Wo habe ich sie zuletzt gesehen? Ich versuche im Raum einen Weg oder eine Tür zu erkennen, der Raum verschwimmt aber. Nein, viel mehr kann ich ihn nicht durch meine Augen erfassen, als wäre ich von den Schattenflecken geblendet. Ich höre das hämmernde Geräusch einer Schreibmaschine. Die Schläge hallen in meinen Ohren nach wie eine drängende Musik. Ich gehe ihr nach, will sie finden, die Musik und Clara. „Desoxyribonukleinsäure.“ War das ihre Stimme? Oder eher die Stimme der Musik? Brutal und wirr und hübsch. „Die Familienfeier!“, kommt es mir. Na toll, ich bin zu spät und habe keine Schuhe. Einfach weg hier. Es reicht, Clara. Ich lasse mich auf den Boden fallen wie ein leidender Held und die Bodendielen brechen unter mir zusammen. Es sticht und pfeift in meinem Kopf, und ich lande wie eine geprügelte Katze schmerzverzerrt auf allen Vieren auf einem anderen Boden. Einem Teppichboden. Ich nehme wahr wie der weiche Stoff meine eisigen Füße wärmt und das stechende Pfeifen langsam verschwindet…

Um mich: reges Treiben und Unterhaltungen. Ein Landhaus? Eine Laube? Keiner schert sich um meine krampfartigen Zustände. Ich weiß nicht, ob sie mich überhaupt wahrnehmen. Ja ich weiß, ich bin zu spät! „Das ist doch Großmutter´s Geschirr, das schöne alte.“ „Seit wann sagst du denn Großmutter?“, höre ich jemanden sagen. War sie das? Nein, ein Mann neben mir. Er gehört nicht zur Familie. „Weiß nicht“, antworte ich.  Er wendet sich mit herablassendem Lachen ab. Arschloch! Ich nehme mir eine Tasse und will sie mir in die Tasche stecken, bevor sie kaputt geht. Man kann nie wissen bei diesen rüpelhaften Kreaturen. Ich habe gar keine Taschen an mir. Ich beiße ein Stück ab und schlucke die Scherbe. Nicht gut. Gar nicht gut. Zerkratzt mich das jetzt von innen? Wie kann man so dumm sein? Ich will nicht, dass sie alle mitbekommen wie dumm ich bin. Ich krepiere lieber alleine. Der Boden ist voller Gras. Wiese mitten im Raum. Ich halte die Luft an und spüre die Scherbe im Inneren stecken. Ich laufe dem Wiesenboden nach ins Freie. „Luftballons für die Omi? Geh, das war doch nie ihr Stil?“, höre ich jemanden von der Familie sagen. Nein, wirklich nicht. Blumen, weiße Rosen mochte sie und Pinienzapfen. So ein Blödsinn, die Omi ist tot! Alles Idioten! Clara ist auch weg. Soll mich die Scherbe doch zerfetzen! Ich weine ohne Luft zu holen. Am Ende des Gartens ist mein Auto geparkt. Wahrscheinlich mit Strafzettel. Egal, dort kann ich mich verstecken. Ich flüchte weiter. Irgendwann muss ich doch wieder Luft holen. „Bleib sofort stehen!“ Irgendwer packt mich und reißt mich hinüber in die Bäume…

Dunkel. Ich liege auf dem Boden. Ich sehe nichts mehr. Er schreit mich an mit einer jungen Stimme: „Steh auf!“ Moment. Ich sehe ihn durch meine geschlossenen Augenlider. „Spiel nicht tot und steh auf!“ Ich bin mir nicht sicher, aber ich kenne ihn. Er trägt einen bemalten Müllsack um den Kopf wie ein Superheld, der sein Originalkostüm verloren hat. Nun hält er eine Schere in seiner Hand und schneidet hektisch einen Schlitz in sein Müllsackgesicht, dort wo die bemalten Augen waren. Wie hatte er vorher etwas sehen können? Er greift sich das zerschnittene Müllgesicht und reißt es senkrecht auseinander. Sein zartes jungenhaftes Gesicht, das darunter zum Vorschein kommt, ist komplett verweint und aufgebracht. „Schau, was du mir angetan hast!“, wirft er mir entgegen. Das Ding muss raus! Ich muss mit ihm reden. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ledereinband. Mein Tagebuch! Der Ledereinband! Nichts passt hier zusammen, ich träume. Wir träumen. Ich habe noch immer nicht Luft geholt, ich kann mich nicht bewegen und er denkt ich spiele ihm was vor. Bloß nicht aufwachen! Konzentrier dich, sag es ihm gedanklich! „Hol mein Tagebuch! Ich habe es hinter meinen Haaren. Der Ledereinband.“ Er versteht, er holt es hervor. Ich kann immer noch alles durch meine Augenlider sehen. Ein klitzekleines Tintenfass versteckt sich hinter dem Ledereinband. Er spricht vor sich hin als würde er ein Rätsel lösen. „Blaue Tinte auf blaue Lippen.“ Er lässt die Farbe auf meinen Mund tropfen… 

Wasser. Wir treiben in einem See. Ein Ort, den ich aus anderen Träumen kenne. “ Danke!“, sage ich. „Ist ja dein Traum“, meint er kühl und teilnahmslos. Ich: „Eben darum, ich wollte noch nicht aufwachen. Man steigt nicht ohne Grund so tief hinab.“ Er: „Du bist verantwortungslos.“ Ich:  „Halt! Was bitte hab ich getan? Ich lass mir nichts vorwerfen. Das ist mein Traum und ich will ihn nutzen…also. Also kann ich mit dir machen, was ich will und nicht umgekehrt. Nur nicht aufwachen.“ Er: „Du wirst mich sowieso vergessen.“ Ich: „Das werde ich diesmal nicht und ich will nicht, dass wir streiten. Sei mein Freund!“  “ Alles in allem steh ich am Strande und lande.“, sagt er und lächelt traurig. „Das hat Clara gesagt“, meine ich zu ihm. „Und was heißt das?“, darauf er. „Darum gehts hier nicht,“ meine ich. Er küsst mich. Wir verküssen uns bis ich fast vergessen habe, dass ich luzid bin. Er sieht auf einmal nicht mehr so aus wie vorher.  Das gefällt mir nicht. „Weiter im Text“, meine ich. „Auf in die Wanderschaft!“, breche ich die Liebkosungen ab. „Wie lange waren wir hier, es hat total geschneit?“ Vor meinen Augen tut sich eine wunderbare Winterlandschaft auf. Er lächelt nur und meint: „Clara ist am Herointango.“ „Clara kann nicht tanzen.“, meine ich verärgert. „Du träumst zu viel. Du versteckst dich vor dem Leben.“, meint er vor sich hin, als könnte ich ihn nicht hören. Ich werfe ihn in den Schnee und schreie ihn an wie eine Hyäne.  Er ist weg. Ich habe ihn kaputt gemacht…

Ruhe. Ein Kloß in meinem Hals, ein Tagebuch in meinen Händen. „Ich hab dich lieb.“ Halt, ich träume! Ich ziele mit meiner Hand in den Schnee und entzünde ein Feuer. Ich setze mich näher an die Feuerstelle und wärme mich. Ein traumhafter Soundtrack legt sich über die Schneelandschaft in meiner Vorstellung. Das ist merkwürdig. ich sehe so klar auf einmal. Nur nicht aufwachen! Was wollte ich denn? Achja, zur Probe. Ich schnipse mir eine Laterne in die Hand. Vor mir hat sich eine Backsteinmauer aufgetan. Ich stoße mich ab vom Boden und schwimme in die Luft. Es ist furchtbar anstrengend als würde ich Zementsäcke mit mir schleppen und ich verliere immer wieder an Höhe. Letztendlich komme ich über die Mauer und schwimme umher… 

Im Proberaum: hell, altmodisch. Kinder laufen mir entgegen. „Was willst du eigentlich von der Clara?“, fragt mich das eine. „Mit ihr ins Bett gehen.“, sage ich. „Stimmt doch gar nicht!“, sagt das Kind und rennt wütend weg. Der kleine Junge sieht aus wie mein Freund aus dem Wald.  „Warte du!“, rufe ich ihm nach.

Ich will ihm hinterhereilen ins nächste Zimmer. Dort sieht alles noch älter aus. Wir sind im zweiten Weltkrieg und ich suche meine Großeltern. Endlich eine Möglichkeit sie zusammen zu sehen. Eine Frau, die ich nicht kenne, spricht mit einem Soldaten: „Das ist sein Bild. Finden Sie ihn und übergeben Sie ihm die Nachricht!“ „Wie heißt er denn?“, Frage ich. “ Nic. Niclevic Riverfinder.“ Sie sagt es mit einem lieblichen Akzent und so weich, als würde sie gefahrlaufen, den Namen mit ihrer Liebe zu zerbrechen. Es bringt mich zum Weinen. „Nic!“ Ich suche ihn nicht. Ich finde niemanden. Ich kann nicht mehr. Ich muss singen: „Was soll die Welt? Was soll mein Leben? Alles soll es sein! Ich versinge mich…Wortloses klauben…..Wo schlafe ich eigentlich? Hört jemand meine Geheimnisse? Ich spüre mich…“Vorsicht, wach nicht auf!“, klingt es hinter mir. „Nic!“ Nic steht da. „Nic, sag die Wahrheit! Bist du mein Bruder?“, frage ich ihn. “ Nicht mein Bruder, mein Uronkel? Sag doch, Nic!“ Wir umarmen uns. „Ich bin gar nichts, nur Lufthauch und Liebe.“, meint er zu mir.  Ich spüre ihn. Ich spüre ihn, als ob er echt wäre. Fast kann ich ihn riechen, doch es gibt keinen Geruchssinn im Traum. Ein Herz. Ein Körper. Kräftige, schöne Hände, Männerhände. Meine Hände. Ich bin Nic…

Ich gehe durch die Gassen der Stadt. Es ist Nacht. Ich komme zu einem großen Gartentor, das nicht ins Stadtbild passt. Dahinter ist schon Tag.  Das Tor ist wunderlich verziert, verfallen und verschlossen. Ich nehme Anlauf und springe, schwebe fast darüber hinweg. Ich gehe tiefer in den Garten hinein. Ich höre meine Stimme. Eine tiefe, zarte Stimme: „Wo steh ich heute? Ich komme von der anderen Seite der Geschichte?“, höre ich mich sagen.  Ein Fest ist im Gange. Es wiederholt sich. Alles wiederholt sich. Nicht aufwachen, klar bleiben! Nicht vergessen! Meinetwegen vergessen wer wir sind, nur nicht, dass wir sind. Wenn sie die Scherbe schluckt, maskiert sie mein Gesicht mit Plastik. Ich erblicke sie. Ich laufe los. Ich greife sie, werfe sie zu Boden. Ich will mit ihr ins Bett. Ich spüre sie, mich, uns. Meine Zehen sind kalt. „Clara!“

 

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Die Straße zieht mich

um 

Die Straße zieht mich.

Durch Zeitlöcher, Züge, Räder über Asphalt.

Die Straße zieht mich und ich ziehe mit.

Hinweg über Kinderaugen, Bretterwelten und wandelnde Töne.

Ständig in Bewegung, ständig auf der Jagd nach mehr Zeitlöchern.

Mal liebe ich diese Rastlosigkeit, mal hasse ich sie.

Unruhe und Abenteuer raufen um die Wette.

Wo ist die Grenze zwischen Leidenschaft und Angst?

Ich winke meiner Silhouette im Vorbeigehen.

Ich trage meinen Anker mit Stolz umher, aber kann ihn nirgendwo sinken lassen.

Die Straße zieht mich umher.

Ein Fliehen durch die Jahreszeiten. Ein Halten vom Früher und ein Flüchten vor Späterem. Ein Wanken durch Krisen und Hoch-Zeiten.

Wirft es mich kreuz oder wirft es mich quer?

Ich zerstreue mich über Orte, Länder, Menschen.

Bleiben Brösel von mir, dort wo ich war?

Kleine Wege, große Wege, die ich trete, die ich in mir zeichne.

Von einem grauen Haar zu einem Haufen. Graue, spröde, glänzende Haare.

Manchmal mag ich sie, dann wieder nicht. Das ist wie mit den Fältchen unter den Augen und den Schatten.

Im Zug ist es meistens eng, im Auto scheinbar freier, bis ich es im Schnee an der Leitplanke ausgebremst habe.

Die Straße zieht mich. Die Straße ruft mich in dumpfen Tönen. Manchmal auch schrill wie der verlässliche Wecker, dem ich stets misstraue.

Seit kurzem tanzt es mich so richtig. Aber kurz ist relativ. Kurzes verändert sich im Laufe der Jahre. Die Ruhe in der Bewegung will mich finden, aber die Straße zieht mich.

Es rauscht ständig etwas vorbei. Ein Echo des Vorbei´s. Meine kleine müde Stimme ist zurückgeblieben. Sie ist noch nicht so schnell. Das muss sie noch üben. Sie eilt nach.

Wie kann er liegen und nichts tun? Wie kann er das? „Zeig es mir!“, faucht der Neid. „Ich hab´s verlernt glaub ich“.

Ich glaube so viel. Klaube Glaubenssätze auf wie Münzen auf der Straße. Und vieles will ich oder kann ich trotzdem nicht glauben.

Keine Zeit zum Bücken um es aufzuklauben. Glaub ich.

Ich will nicht. „Ich will nicht!“, ein so häufiger Gedanke. Aber ich will auch so viel und ich will ihn transformieren, den Gedanken.

Wir lernen hier zu sein, da zu sein. Immer wieder neu. Immer wieder wo anders. Wie damals im Spiel. Überall dazwischen, zwischen hier und da, dem dritten Kaffee und dem Youtubevideo in der Jackentasche, bin ich nicht da. Wo bin ich jetzt?

Atmen! Atmen ist da sein. Das hilft. Das soll einfach sein.

Die Straße zieht mich. Meine Wirbel knacken jeden Tag. Ich liebe es! Ich wünschte sie würden mehr als einmal knacken.

Sie zieht mich durch Menschenhände, zieht mit mir auf die nächsten Ziele zu.

Und dann….

Vorbei, zieht sie mich nach Hause. Wo ist zu Hause? Dort ruft sie. Schon wieder. Sie schreit! Sie schreit nachts zum Fenster herein. Sie schreit aus Ämtern und Strukturen und Horrorfilmen. Sie schreit von Scham und Schuldgefühlen. Und manchmal, wenn ich mutig genug bin zuzuhören, macht sie ein Lied daraus. Ein Lied über Unsicherheiten und Gewissensbisse und „pseudopolitischen-Ich will die Welt retten- Gemeinschaftsschmerz“. Und wenn sie nicht singen kann, wird ein Text daraus. Sie zieht mich durch vorher und nachher, durch falsche Leere, durch Zeichen und Zufälle.

Sie zieht mich durch Wiederholungen und den Gedanken, ob Zeit doch nicht linear ist?

Zieht sie mich kreuz oder zieht sie mich quer?

Mir fehlt die Bodenhaftung im Durchrauschen der blauen Pirouetten. Oder ist es nur die Standhaftigkeit?

Manchmal tut es gut zu taumeln und aufzuschlagen. Der Boden zieht mich. Ich selbst soll von Standhaftigkeit lehren und vom Jetzt. „Lasst euch vom Boden halten.“

Die Straße hält mich. Sie hält mich nicht. Sie hält mich, sie hält mich nicht. Blumen im Asphalt singen von dem alten Spielchen.

Ich spiele. Ich spiele gerne. Ich spiele meinen Alltag. Alle Tage wieder spiele ich mich, spiele ich auf und mit der Straße.

Die Straße zieht uns. Wir drängen, stoßen, schmiegen uns aneinander vorbei. Alle wollen wir irgendwo ankommen. Aber wo ist es, das Ankommen? (Dass wir ankommen?) So wirklich ankommen?

Das nächste Stück gespielt. Die nächste Welt aufgebaut, durchwandert und hinter mir gelassen. Gesammelt auf Bildern in viereckigen Kästchen und im Netz verstrahlt.

Ich bin abgespielt. Abgefahren. Wie ein Zug, ein Bus. Wäre ich schnell genug zu Fuß, würde ich nur mehr laufen? Oder das Gleichgewicht verlieren?

Der Boden trägt uns. Wir tragen unseren Tanzboden und unsere Wanderbühne.

Die Straße zieht uns. Wir lieben uns und hassen uns. Uns selbst wie uns gegenseitig. Warum lieben wir es nicht, dass wir unterschiedlicher Meinung sind? Wir wollen doch langsam wachsen. Langsam in einer brachialen Zärtlichkeit.

Das Bett wartet. Der Anker wächst. Ich habe Glück, ich lebe von Liebe und Freude.

Die meiste Zeit.

An Frieden und Freiheit arbeite ich noch. In mir und um mich.

Wo ist es einfacher zu beginnen?

Die Straße zieht mich.

Ich ziehe mit.

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Am Morgen ist es am schlimmsten - Eine Alltagsroutine-Persiflage

 

Am Morgen ist es am schlimmsten.

Kurz nachdem ich mein Unterbewusstsein verlasse, und dem Wecker das erste Mal ordentlich eins auf den Deckel gebe, und gegen die zärtlichen Klauen des verführerischen Schlafes ankämpfen muss. Kurz danach, nach dem endgültigen Kampf mit der kreischenden digitalen Zeit, muss ich mich von einem weichen Körper schälen und das Gesicht aus einem mit Schlaftau benetztem T- Shirt nehmen.

Allen natürlichen Geborgenheitsinstinkten muss ich widerstehen, meiner Nase den verschlafenen Duft seiner Strubbelhaare qualvoll mit einem morgigen Seufzer entreißen, und von der lebendigen Höhlenwärme in die trockene Heizungsluft taumeln.

Und ich darf es nicht wagen zurückzublicken.

Nicht bevor ich Zähne geputzt habe.

Noch den vertrauten anderen Herzschlag fühlend quetsche ich mich in meine harten Gewänder und höre ein butterweiches Raunen wie von einem sanft erwachten Raubtier oder einem köstlich schmatzenden Igel.

Und ich darf es nicht wagen mich umzudrehen.

Immer wieder glaube ich fast es geschafft zu haben. Glaube ich, die Leichtigkeit in dieser Prozedur zu finden.

Aber jedes Mal begehe ich den gleichen Fehler, indem ich mich ein letztes Mal, bevor ich das Haus verlasse, dem Bettgestell nähere, um einen letzten Blick auf das verschlafene, unschuldige, knackig-geschmeidige Wesen zu werfen, das sich wie eine maskuline Seidenraupe in seinen Deckenkokon gehüllt hat und mich mit Siebenschläfer Augenschlitzen und einem Gänsehaut erzeugenden, kaum verständlichen Gemurmel, halb in Trance begrüßt und sich hinterhältig, scheinbar matt und ausgeliefert wie ein Frühstückssnack vor mir im viereckigen Matratzenreich des Friedens präsentiert.

Und ich kann nicht anders.

Ich muss ihn berühren.

Ich muss durch das Haselmaus- weiche Haarfell, über die zarten Wangen und den saftig-strammen Nacken streichen und spüre sogleich einen stechend bitter-süßen Schmerz in meinem Herzen.

Und weil ich weiß, dass ich der Versuchung nicht nachgeben darf, da ich sonst meine täglichen Pflichten vernachlässigen und mich und mein Leben ins Chaos stürzen würde, trage ich den Trennungsschmerz, der sich kribbelnd bis in meine Zehenspitzen und meinen Scheitelpunkt bohrt mit nach draußen, wo ich in eisiger Kälte dem Sturm des Alltags entgegentrete.

Am Morgen ist es am schlimmsten das Meer meiner Gefühle für den Pfad der Berufung zu verlassen. Nur manchmal denke ich mir: „Ah, scheiß drauf! Das Leben ist zu kurz für Pflichten.“ Und schmiege mich feig-faul zurück ins Bett an den mir liebsten und vertrautesten Körper, den ich nun erbarmungslos umklammere und nicht mehr hergebe.

 

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Bieretikett - Dezember 2018

Fragliche Stille legt sich in meinem Unterleib.

Erschöpfte Zufriedenheit und stiller Stolz lassen mich Frieden ausatmen.

Ich könnte ewig liegen in liebevoller Ge(L)Ei(d)t(g)enschaft,

wenn ich es wage mir endgültig zu vertrauen.

 

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Epilog für „Else“ – frei nach Arthur Schnitzler

Eine Produktion von LADYGLICH

 

Ich wage zu glauben, ich sei eine Scherbe, die sich selbst ins Meer geworfen hat, um sich frei in der Weite aufzugeben. Ja, willig aufzugehen im Schaum der Zeit und der salzig-blauen Dunkelheit,

um die Schärfe der Bruchstücke zu glätten und ihre eigene vollendete Form zu finden als glanzvoller Teil des Sandes.

Wo bist du mein Spiegelbild? So nah waren wir uns. Ich hab dich gar nicht mehr erkannt. Ich hab ja durch dich durch gesehen, so zerbrochen wie du warst.

Courrage, Courrage!

An wen geht der Gruß in die Nacht hinaus? An mich selber.

An Sie mein schönes Fräulein im Spiegel.

Alle Spiegelscherben werde ich beweinen und neu zusammenlegen.

Ich steh auf, ich geh…

nicht weg, nur weiter.